Hi, Ai

Auf dem Filmplakat ist die Roboterfrau Harmonie abgebildet.

Dokumentarfilm

Deutschland 2019

Laufzeit: 87 Minuten
Regie: Isa Willinger
Drehbuch: Isa Willinger
Kamera: Julian Krubasik
Schnitt: Stephan Krumbiegel, Olaf Voigtländer
Musik: Robert Pilgram
Produzent: Stefan Kloos
FSK: ab 6 Jahre
Altersempfehlung: ab 14 Jahre
Klassenstufe: ab 9. Klasse

Themen: Künstliche Intelligenz, Robotik, soziale Roboter, Verhältnis zu Robotern, Mensch-Maschine-Kommunikation, Einsamkeit, ethische Fragen des Robotereinsatzes, technische Visionen

Fächer: Informatik, Sozial- und Gemeinschaftskunde, Politik, Ethik, Religion, Deutsch, Kunst, Geschichte, Wirtschaft

Inhalt des Films

Ein „Science Fiction-Dokumentarfilm“ wird HI, A.I. in einigen Verlautbarungen genannt – eine ungewöhnliche Genre-Bezeichnung, die aber recht gut die Atmosphäre dieses Films trifft. Von den ersten Minuten an dominiert eine geheimnis- und erwartungsvolle Grundstimmung. Mit dem Auftreten humanoider, intelligenter Roboter stehen wir am Beginn einer neuen Epoche, so die Grundthese des Films, und die Zuschauer*innen können die ersten Vorboten dieser Zeitenwende erleben.

Man sieht eine Roboterfrau, die sich wie ein Mensch zahnärztlich behandeln lässt, wird Zeuge, wie eine japanische Familie ein neues Familienmitglied namens Pepper aufnimmt und hört Auszüge aus dem „Waking up Podcast“, dessen Moderator mit KI-Expert*innen über das gerade anbrechende Zeitalter Künstlicher Intelligenz spricht.

Nach der ersten Einstimmung entfaltet der Film zwei Hauptstränge, die in parallel erzählten Episoden den beiden Robotern Pepper und Harmony sowie ihren Bezugspersonen gewidmet sind. Pepper wird vom japanischen Unternehmen Softbank hergestellt und weltweit verkauft. Wenngleich seine Gestalt und die fehlende Mimik ihn deutlich von einem Menschen unterscheiden, ist sein Design doch auf emotionale Zuwendung ausgelegt. Dazu tragen die Gestaltung des Gesichtes, die kindliche Stimme und die großen Augen bei. Eine echte Mimik wird durch verschiedene Lichteffekte rund um die Augen ersetzt. Pepper ist sehr kommunikativ, lernfähig und kann sich selbst mit dem Internet verbinden. Die im Film beobachtete japanische Familie will Pepper als Gesprächspartner für die Großmutter aufnehmen.

Harmony hingegen stammt aus einer kalifornischen Werkstatt, die ihre Sexpuppen seit kurzer Zeit mit Künstlicher Intelligenz ausstattet und sie als vollwertige Lebenspartner*innen betrachtet. Chuck, der Protagonist des zweiten Erzählstrangs, erwirbt eine Harmony und fährt mit ihr in seinem Wohnmobil durch Kalifornien. Er inszeniert mit Harmony romantische Zweisamkeit beim Picknick und abends an der Pazifikküste, tauscht mit ihr Komplimente aus und führt ihr seine Reitkünste vor. Was zunächst obskur erscheint, bekommt eine tragische Wendung, wenn die Filmzuschauer*innen miterleben, wie Chuck von seiner Kindheit erzählt. Bis zu seinem zehnten Lebensjahr wurde der Sohn einer Prostituierten an Freier verkauft und sexuell missbraucht. Plötzlich ist Harmony kein luxuriöses Liebesspielzeug mehr, sondern verkörpert den Versuch, eine Form von Zweisamkeit zu erleben, die Chuck mit Menschen möglicherweise nicht mehr erleben kann.

Entspannter geht es in der japanischen Familie von Oma Sakurai zu. Pepper übernimmt die Rolle zwischen Technikspielzeug, Seniorenbetreuer und Enkelkind ohne zu zögern und tritt mit seinen Bemerkungen mehr als einmal tief ins Fettnäpfchen. Die alte Frau nimmt seine Gesprächsimpulse neugierig auf, aber die meisten Konversationen wirken etwas kurzatmig, weil es oft Missverständnisse gibt und Pepper es nicht schafft, ein Thema längere Zeit zu verfolgen. Der große Unterschied zu Harmony und Chuck besteht darin, dass Oma Sakurai mit Pepper nicht alleine bleibt, sondern die beiden Teil eines aktiven Familienlebens sind. Es gibt darin anrührende Momente, wenn dem mit kindlicher Stimme plaudernden Roboter ein Hemd des verstorbenen Großvaters übergezogen wird.

Chucks Gespräche mit Harmony verlaufen oft stockend oder bleiben unvollendet, weil auch sie sich immer wieder auf floskelhafte Komplimente und Lexikonzitate zurückzieht. Chuck scheint am Ende frustriert zu sein und versucht, durch Veränderungen in der Steuerungs-App Harmony zu mehr Eigenständigkeit zu verhelfen – ein paradoxer Moment, wenn der Besitzer eines intelligenten Sexroboters diesen gewissermaßen emanzipieren möchte.

In beiden Fällen ist es frappierend, wie offen und selbstverständlich die menschlichen Sparringspartner den Robotern begegnen. Sie trauen den Maschinen menschliche Eigenschaften, Fähigkeiten und Ansprüche zu, die sie gar nicht besitzen. Das birgt Risiken für die Zukunft, im Augenblick aber vor allem Potenzial für tragische und komische Momente. Auch die Entwickler*innen von humanoiden Robotern bauen darauf, dass Menschen im Gegenüber den Menschen sehen, obwohl sie wissen, dass es sich nur um einen Nachbau handelt.

In die Episoden aus dem Alltag der beiden Roboter werden immer wieder solche und andere Reflexionen eingeschoben. Man trifft auf Vordenker wie den japanischen Robotiker Hiroshi Ishiguro, der einen Doppelgänger seiner selbst entwickelt hat, oder hört Kongressteilnehmer*innen darüber nachdenken, ob Roboter mit einem Selbstbewusstsein entwickelt werden sollten oder nicht.

Mit Blick auf die zum Teil noch recht holprigen Dialoge zwischen Mensch und Roboter wirken diese Überlegungen sehr ambitioniert. Aber es wird auch immer wieder darauf hingewiesen, dass die Geschwindigkeit, mit der sich die Systeme weiterentwickeln, sehr hoch ist und weiter zunimmt. So gesehen kann ein Film, der einen Blick in die Zukunft wagt, schon sehr bald von dieser eingeholt werden.

Filmische Umsetzung

In HI, A.I. gibt es keine einordnenden Kommentare durch eine*n Voice-Over-Sprecher*in. Einige Situationen wie die bereits angesprochene Zahnarztbehandlung eines Roboters bleiben rätselhaft. Soll hier eine lernende KI mit einer Situation konfrontiert werden, die alle Menschen kennen, normalerweise aber keine Roboter?

Das Auftreten menschenähnlicher Wesen, die menschentypische Handlungen vollziehen, sich dabei aber eben doch noch sichtbar von einem Menschen unterscheiden, hat etwas Unheimliches. „The uncanny valley“ (das unheimliche Tal) nennen Robotiker*innen das Phänomen, dass humanoide Gestalten kurz vor dem Erreichen einer vollkommenen Menschenähnlichkeit stark an Akzeptanz einbüßen.

Der Film nutzt dieses Phänomen geschickt aus, wenn er eigenwillige Roboterfiguren unkommentiert über Flure wandern lässt oder dabei zusieht, wie ein Kochroboter mit Töpfen hantiert. Wir ahnen, dass in Labors und Werkstätten eine neue Spezies entsteht, die bald schon und dann ganz plötzlich neben uns auftauchen wird. Fahrten durch eine nächtliche Stadt, Blicke über eine Straße oder eine Wüstenlandschaft sind mehr als nur Übergangspassagen: Sie schaffen Raum dafür, dass die Zuschauer*innen die angedeuteten Visionen im Kopf selbst weiterdenken und erspüren.

In den beiden Hauptsträngen mit Pepper und Harmony ist zeitweise das Kontrastprogramm zu sehen: holprige Dialoge, großzügige Überschätzung von Wahrnehmung und Denkfähigkeit. Noch sind diese künstlichen Wesen weit davon entfernt, mit Menschen auf Augenhöhe zu kooperieren. Aber will man das überhaupt? Was passiert, wenn diese Entwicklung in eine falsche, gefährliche Richtung läuft? Der Film lässt hier mit Hilfe der eingespielten Podcast-Interviews verschiedene Einschätzungen anklingen, enthält sich aber einer klaren Positionierung und bleibt konsequent bei einer Grundhaltung neugieriger Erwartung.